Zeitzeugen 2020

Courage zum 75-jährigen Holocaust-Gedenktag:

Zeitzeugin Eva Weyl an der Gustav-Heinemann-Schule in Mülheim an der Ruhr

„Für die Grausamkeiten, die in vergangener Zeit geschahen, tragt ihr keinesfalls die Verantwortung. Auch eure Eltern und Großeltern nicht. Jedoch für das, was in der Zukunft passiert, seid ihr verantwortlich und genau aus diesem Grund bin ich hier.“

Zeitzeugen 2020 - Sebastian Kreischer

Mit diesen Worten beginnt Eva Weyl ihren Vortrag am 13.01.2020. Nach früheren Besuchen beehrt sie uns erneut und erzählt vor den Geschichts- und Sowi-Kursen des zwölften und dreizehnten Jahrgangs von dem Einzug und dem Aufenthalt in dem Konzentrationslager Westerbork zur Zeit des Nationalsozialismus, ihren Erlebnissen und Erinnerungen an das Lager in den Niederlanden an der deutschen Grenze. Und dem Glück im eigentlichem Unglück: Sie überlebte.

Alle anwesenden Schüler lauschen mit Neugier und Spannung den Erzählungen Eva Weyls. Sie erlebte eine Kindheit, welche sich niemand von uns heute vorstellen kann. Bereits mit sechs Jahren kam sie im Januar 1942 in das Durchgangslager Westerbork, von wo aus die Menschen, meist jüdischer Herkunft, in die Vernichtungslager weitergeschickt wurden. Das bekannteste war Auschwitz. Insgesamt wurden von 1942 bis 1944 mehr als 100.000 Menschen aus Westerbork per Zug deportiert. „Ich war eine der 5%, die diese Zeit überlebt haben“, erzählt sie mit Dankbarkeit in ihrer Stimme.

Eva Weyl, Zeitzeugin, 13.1.2020 - Sebastian Kreischer

Als sie mit sechs Jahren floh, wurde ihrer Familie gesagt, sie dürften lediglich die Dinge mitnehmen, die sie tragen könnten. „Damals gab es keine Rollkoffer. Ich trug einen Rucksack, eine Decke und meine Puppe bei mir. Das war`s“, erläutert sie den Schülern. Bei der Registrierung mussten sie jedoch alle mitgebrachten Wertsachen abgeben und somit blieb ihnen nur noch das, was sie am Leib trugen. Ihre Mutter, erzählte Eva Weyl, ahnte bereits vor dem Verlassen ihres Heimatorts, was sie im Lager erwarten würde, und nähte eine Hand voll Brillanten in die Knöpfe der Jacke des sechsjährigen Mädchens ein. Die Brillanten wurden von den SS-Leuten nie gefunden und das Mädchen selbst wusste nie von den kleinen Schätzen, die sie so lange bei sich trug. Lange Zeit nach dem Krieg ließ die Mutter einen Ring aus einem der Brillanten herstellen, welchen sie Eva Weyl zu ihrem 60. Geburtstag, also über 50 Jahre später, schenkte. Noch heute trägt Frau Weyl ihn und somit auch die damit verbundenen Erinnerungen bei sich.

Immer wieder betont die Zeitzeugin, wie viel Glück sie gehabt habe, viele andere jedoch nicht: „Drei Mal kamen wir knapp daran vorbei, aus Westerbork weggeschickt zu werden und nach Auschwitz zu kommen“, verdeutlicht sie die glückliche Fügung. Im darauf folgenden Satz sagt sie jedoch deutlich, dass andere nicht ein solches Glück erleben durften. Sie zeigt immer wieder den in dieser Zeit herrschenden Schrecken auf und erzählt von Menschen, die starben oder verschwanden. „Es kommt gut, Evchen“, war ein Satz, den sie so oft von ihrer Mutter hörte. Auf die meisten Lagerinsassen traf das nicht zu.

Besonders betont Frau Weyl die Rolle des Lagerkommandanten Gemmeker, welcher in dem Konzentrationslager eine „Scheinwelt“ erschuf. Spektakel wie Kabarette, Orchester, Ballettaufführungen und vieles mehr wurden organisiert. Zudem gab es ein Krankenhaus, das größte in den Niederlanden zu dieser Zeit. Indes tauchten immer wieder Gerüchte über andere Lager im Osten auf, wo Menschen vergast werden sollten. In Westerbork kam bei den Insassen die Frage auf, weshalb es hier Genesung gebe, während wenige Kilometer weit weg die Menschen ermordet werden sollten. Eine Scheinwelt! Doch die Menschen hatten mehr und mehr Angst: „Das Lagerleben wurde von dem Gedanken an den nächsten Transport beherrscht. Fast jede Woche wurde man wieder vor die quälende Frage gestellt, ob nicht der eigene Name auf der Transportliste stehen würde“.

Immer wieder betont sie, dass die Kinder in den Konzentrationslagern von den Grausamkeiten nichts wussten. Die Eltern hielten alle Dinge fern von ihnen, versuchten es zumindest. „Das geht dich nichts an“, bekamen sie und die übrigen Kinder wieder und wieder zu hören, als sie nachfragten. Viele Dinge wurden ihr erst klar, als sie älter wurde und sie bereits das Lager verlassen hatte.

Trotz all der schlimmen Dinge, die ihr und ihrer Familie zustießen, verlor sie nie die Hoffnung und das Vertrauen in das Gute im Menschen. „Seit fünf Jahren bin ich mit Gemmekers jüngster Tochter befreundet“, erzählt Eva Weyl am Ende ihres Vortrags. „Man sollte Menschen nicht verurteilen, bevor man sie kennt, denn von innen sind wir alle gleich.“

Nach dem Vortrag bleibt noch Zeit für Fragen. Einige der Schüler wollen wissen, ob sie Sorge wegen der häufig auftretenden Intoleranz heutzutage hat. Nach kurzer Bedenkzeit antwortet sie auf diese Frage. „In vielen Ländern ist diese Intoleranz zu beobachten. Da Deutschland den Krieg und so viel Leid verursacht hat, wird hier umso mehr gegen das Vergessen dieser Ereignisse getan. Und genau das ist wichtig. Ich bin irgendwann nicht mehr da. Genauso wenig wie die, die diese Zeit ebenfalls erlebt haben. Aus diesem Grund müsst ihr unsere Zweit-Zeugen werden und die Geschichte weitererzählen.“

Liebe Frau Weyl, das werden wir tun!

 

Text: Miriam Hartmann, Courage Gruppe
Bilder: Sebastian Kreischer


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Herbstferien 2020 Ende - Susanne Kirste

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Bitte denkt weiter daran, dass die Pausen meist auf dem Schulhof verbracht werden und im Unterricht viel gelüftet wird. Alle Kleidung, die warm und trocken hält, ist gut!

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