Zeitzeugengespräch

 

Ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte persönlich

Zeitzeugengespräch mit Eva Weyl

 

Zeitzeugengespräch mit Eva Weyl 2015

 

Die Frühlingssonne blinzelt auf das Menschengewirr auf dem Schulhof der Gustav-
Heinemann-Schule, als sich ein blauer VW Golf mit holländischem Kennzeichen dem
Parkplatz nähert.

Es ist Eva Weyl! Sie hat den Wagen innerhalb von zwei Stunden von Amsterdam
nach Mülheim chauffiert, um das zu tun, was ihr ihr Herz befiehlt – immer wieder.
Sie vermittelt jungen Mensch Mut, Empathie und ein kritisches Bewusstsein.
Diesmal waren es Schüler/-innen der GL-Kurse im 9. und 10. Jahrgang sowie Oberstufenkurse in Geschichte und Sozialwissenschaften, die mit ihr gemeinsam
ein schreckliches Stück deutscher Geschichte ganz persönlich betrachten sollten.

Zeitzeugengespräch mit Eva Weyl 2015

Denn Eva Weyls Familie musste eine Zeit der Grausamkeiten überstehen.
Sie tat es - mit Glück. Die glücklose Zeit begann mit dem antisemitischen Terror des
Nazi-Regimes. Die Familie Weyl, einst erfolgreiche Textilindustrielle mit einer weit
verzweigten Familie, musste ihr Leben völlig umstellen, fliehen, alles aufgeben und
ums nackte Überleben kämpfen. Die Flucht führte sie von ihrer Heimatstadt Erkelenz
nach Kleve, wo heute noch das Kaufhausgebäude ihres Vaters steht und die Galeria
Kaufhof beherbergt. Nächste Station der Flucht vor dem Antisemitismus war das
holländische Arnheim, wo Eva Weyl geboren wurde. Im Alter von sechs Jahren musste
sie mit ihrer Familie ins Durchgangslager Westerbork. Das bedeutete Stacheldraht,
Baracken und Dreck und Kälte. Von dort wäre die Familie nach Auschwitz deportiert
worden. Glücklicherweise wurde der Zug, der sie ins Vernichtungslager gebracht hätte,
bei einem Luftangriff zerstört.

Zeitzeugengespräch mit Eva Weyl 2015

Es sind keinerlei Ressentiments spürbar, während die charismatische Frau mit der
dunklen Hornbrille ihre Powerpoint-Präsentation zeigt. Sie weiß, dass sie vor einem
gut informierten Publikum spricht. Wer es bis dahin nicht bemerkt hatte, dem erklärt
Eva Weyl freimütig, dass sie ein Glückspilz sei. Mit ihren knapp 80 Jahren strahlt sie,
die nur knapp dem Holocaust entkam, so viel Lebensfreude aus, dass ihr das Alter
kaum etwas anzuhaben scheint. Sie verkörpert auch heute noch puren Optimismus.
Vielleicht steht sie unter dem Schutz der Diamanten, die ihre Mutter vor den Nazis
hatte retten können, und die sie heute - zu einem prachtvollen Ring verarbeitet - an
der linken Hand trägt.

Zeitzeugengespräch mit Eva Weyl 2015

Wenn Eva Weyl ihre Lebensgeschichte erzählt, dann tut sie das, weil sie eine Botschaft
verbreiten will. Sie sei nicht da, um über Schuld zu sprechen. „Euch trifft keine Schuld“,
erklärte sie den jugendlichen Zuhörern eindringlich. „Aber ihr seid verantwortlich
für das, was ihr aus dieser Vergangenheit macht.“ Sie macht eine kurze Pause, lässt
der jungen Zuhörerschaft Zeit zum Nachdenken. Dann fährt sie fort und mahnt,
die  Gefahr einer Wiederholung dieses düsteren Kapitels deutscher Geschichte sei nur
so lange gebannt, wie die Menschen dieser Geschichte und deren Tragödien nicht in
Vergessenheit gerieten.

Zeitzeugengespräch mit Eva Weyl 2015

Vortrag und Vortragende hinterließen bei unseren Schülern/-innen des 13. Jahrgangs
einen bleibenden Eindruck. Noch Tage später wurden Details diskutiert. Colin fand den
Vortrag sehr anschaulich, Ilka war von Frau Weyl als Person beeindruckt und Dylan
gefiel der persönliche Blickwinkel, den man sonst nicht in Geschichtsbüchern finde.
Larissa Stermann bracht es in einem persönlichen Dankesbrief an Frau Weyl auf den
Punkt: „Ihre Präsentation war für uns etwas Einzigartiges. (…) Wir hoffen, dass Sie
noch viele andere Schüler besuchen werden (…) Vielleicht ist auch das, was Sie
erzählen, für die, die es am wenigsten hören wollen, am wichtigsten.“

 

Text:    Petra Unland

Bilder:  Barbara Springer

 

 

Presse:

Pfeil zur Strukturierung von InhaltenWAZ: "Holocaust-Zeitzeugin Eva Weyl beeindruckt Schüler", 18.04.2015



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