Zeitzeugin 2017

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Zeitzeugen und „Zweitzeugen“ an der Zeitzeugin Eva Weyl 2017, Geschichtsunterricht aus dem Leben für das Leben
Gustav-Heinemann-Schule: Mülheim/Ruhr:

 

Eva Weyl erzählt aus ihrer Zeit im niederländischen Konzentrationslager Westerbork

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Zeitzeugin Eva Weyl 2017, Geschichtsunterricht aus dem Leben für das Leben
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„Ich bin heute bei euch als Zeitzeugin. Ihr hört meine Geschichte. Ihr sollt sie weitererzählen. Ihr werdet so meine ‚Zweitzeugen‘.“ Mit ihren einleitenden Worten macht
Eva Weyl den Schülern deutlich, warum sie heute, am 5. Dezember 2017 erneut in die
Gustav-Heinemann-Schule gekommen ist. Nicht zum ersten Mal erzählt sie vor Schülern
ihre Geschichte, die mit der Vertreibung aus Deutschland in den 30er-Jahren beginnt und,
wie sie selbst sagt, ein glückliches Ende findet: „Ihr hört heute auch eine gute Geschichte,
von Menschen, die viel Glück hatten. Wir kamen nicht nach Auschwitz. Die meisten Juden
hatten unser Glück nicht.“ Und so versteht sie es als ihre Lebensaufgabe, auch aus Respekt vor den unzähligen getöteten Juden und anderen Lagerinsassen, an Schulen ihre Geschichte zu erzählen.
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Zeitzeugin Eva Weyl 2017, Geschichtsunterricht aus dem Leben für das Leben
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Nach dem letzten Besuch erhielt sie viel Rückmeldung von Schülern, darunter der
Wunsch, noch mehr von ihrem Leben im Übergangslager Westerbork in den Niederlanden
zu berichten. Also änderte sie ihren Vortrag in Teilen und kam dieses Jahr erneut an die
Gustav-Heinemann-Schule, um diesmal vor über 170 Schülern der Geschichts- und
Sowikurse des zwölften und dreizehnten Jahrgangs zu sprechen.
„Nicht nur als ‚Courage-Schule‘ laden wir Frau Weyl gerne erneut ein. Der Unterricht in
Geschichte und Sozialwissenschaften wird durch den lebhaften Vortrag ergänzt und mit
Informationen gefüllt, die kein Schulbuch bieten kann“, sagt die Courage-Gruppe.

Prävention gegen jegliche Form von Rassismus und Hass ist das Kernanliegen von
Frau Weyl. Dabei rückt sie nicht das Grauen der Nazi-Zeit in den Mittelpunkt,
sondern Momente voller Mitgefühl und Respekt. Die Schüler lauschen gebannt, als die
Zeitzeugin von ihrer Kindheit berichtet. Mit 6 Jahren kam sie im Januar 1942 mit ihren
Eltern in das Übergangslager, von dem aus über 100.000 niederländische Juden in die
Vernichtungslager im Osten deportiert wurden und dort den Tod fanden. Auch die Familie
Weyl sollte dieses Schicksal erleiden, doch drei mal war es mehr als Glück, dass ihr Zug
nicht Richtung Osten fuhr. Mit jedem Mal lauschen die Schüler gespannter.
Auch den vielen Details aus dem Lagerleben, das anfängt mit einem Fußmarsch von
sechs Kilometern durch die Kälte des Winters 1942, in den Händen nur das, was man
in Koffern tragen konnte.

Den wertvolleren Besitz musste die Familie vorher abgeben, wie alle anderen
Lagerinsassen auch – Geld, Wertsachen, Schmuck. Ihre Mutter versuchte einen Trick,
um zumindest etwas aus dem Familienbesitz zu bewahren: Sie nähte kleine Brillanten
unter Stoffflicken an die Jacke der kleinen Eva. Tatsächlich wurden sie nie gefunden und
das kleine Mädchen wusste nichts von dem Schatz, den sie am Körper trug.
Jahre nach dem Krieg ließ sich die Mutter von einem der Steine einen Ring schmieden
und erst 1995 schenkte sie den Ring Eva zu ihrem 60. Geburtstag und erzählte ihr die
ganze Geschichte dazu – über 50 Jahre nachdem die Familie im Lager leben musste.
„Und den trage ich noch heute“, sagt sie und hält ihre Hand hoch. Am Finger funkelt der Brillant, der sie damals im Lager Westerbork begleitet hat.
Zwei Schüler sehen sich an und man sieht, wie auch ihre Augen leuchten. „Ich sagte ja, meine Geschichte ist eine glückliche Geschichte“, wiederholt die Zeitzeugin. Doch immer wieder betont sie auch die Schrecken der Zeit, nennt Zahlen von Toten und Verschwundenen, findet viele passende Worte, jedoch nicht, wie sie sagt, die richtigen
Worte, um das Grausame der Deportationen und Vernichtungen beschreiben zu können:
„Wir konnten es nicht glauben.“
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Zeitzeugin Eva Weyl 2017, Geschichtsunterricht aus dem Leben für das Leben
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Aber sie bringt keinen Hass mit, keine Vorwürfe: „Ihr tragt keine Schuld“, spricht sie die Schüler an, „eure Eltern, eure Großeltern tragen keine Schuld. Aber ihr tragt die Verantwortung, dass so etwas wie damals nicht wieder passiert.“ Die Schüler verstehen
die Botschaft.
Eva Weyl erzählt auch von dem deutschen Lagerkommandanten, der den „trügerischen
Schein“ des Lagers Westerbork mit viel Einsatz aufrecht erhielt.
Die Zeitzeugin wiederholt: „Wir konnten nicht glauben, was wir über Auschwitz hörten.
Wir kamen doch auch mit einem Zug. Als Kind dachte ich mir, es sei normal, das Lager
auch wieder mit dem Zug zu verlassen.“ Sie macht am Beispiel des Lagerkommandanten
deutlich, wie perfide und grausam die deutschen Verbrechen waren.

Am Ende ihres Vortrags bleibt noch Zeit für Fragen aus Schülerreihen. Einige möchten
wissen, wie sie mit ihren Gefühlen im Anschluss an das Lagerleben umging, wie das ihr
Leben prägte. Sie berichtet von ihrem jüdischen Ehemann, mit dem sie Gedenkstätten besuchte und von ihrer Verantwortung, die sie spürte, als sie Auschwitz betrat: „Auch aus
Respekt vor den dort Inhaftierten und Getöteten bin ich hier.“ Und sie erzählt von einer
deutschen Freundin, die sie regelmäßig trifft. Es ist die Tochter des Kommandanten des
Lagers Westerbork. „Das ist meine Botschaft: Toleranz und Mitgefühl und – das ist das
Wichtigste: dass ihr nicht auf andere hört, sondern auf euer Herz.“
Die Schüler applaudieren und einige lassen es sich nicht nehmen, sich im Anschluss
persönlich bei Frau Weyl zu bedanken. Wir alle möchten uns bei der Zeitzeugin für ihre Geschichte bedanken und gerne werden wir zu „Zweitzeugen“.
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Text & Bild:  Sebastian Kreischer

 

 



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